Nachtrag zu Vorgestern

Donnerstag, 22.01.2015 18.40 Uhr
Nachtrag zu Vorgestern,meinem kleinen Abenteuer mit zunächst ungewissem Aus- (und
Ein-…)gang.

SALAY,unser vorgestriger Ambulanzort, ist ein nettes Örtchen an einem Flußlauf. Es wird überragt und fast über dem Himmel eingeschlossen von steil aufragenden,beurwaldeten Bergen.

Vor einem Jahr hatte ich an der dortigen Schule mit 350 Mangyankindern mit eurem Geld eine Wasserpumpe bauen lassen,da der Staat kein Geld für einen Anschluß für die Schule hatte!Ich kontrollierte das im Urlaub letzten Jahres;es war alles gemacht und die waren überglücklich!

Bei der Kontrolle hab ich mir von der Schulleiterin die Situation der Kinder erzählen lassen:
Fast alle Mangyankinder kommen aus den hohen Bergen,meist ohne Frühstück (!) und werden vom Staat mit einer relativ kleinen Reismahlzeit mittags versorgt und wandern abends nach 16 Uhr -ohne Essen – wieder nach Hause!
Als die weitest entfernten Kinder stellte sie mir drei Geschwister vor,die täglich 2Stunden über 10km weit hin und her liefen: Jinky,7 Jahre,erste Klasse ,9kg schwer (ich hab sie alle gleich wiegen lassen…); Benjie,10Jahre,zweite Klasse, 10 kg schwer und Melvin,12Jahre,fünfte Klasse,12kg schwer… drei „Zwerge“,natürlich mager,machten aber einen durchaus lebendigen,drahtigen Eindruck!
Um es abzukürzen: Weder von unseren Teams,noch von den Lehrern war jemals jemand mit den Patienten/Kindern in den Bergen gewesen!Und ich war schon von Anfang an scharf drauf!
Ich wollte mit den dreien nach der Schule heimlaufen,dort übernachten und am nächsten Morgen wieder mit ihnen zur Schule runter! Und die,zunächst skeptische,Direktorin versprach,mir das zu organisieren.
Ich legte den Termin so,daß wir am Rückkehrmorgen in dem Ort dann gleich Ambulanztag hatten!

Was soll ich sagen: Die Lehrer fanden die Idee so gut,daß schließlich 8 von den 10 Lehrern dort mitmachten!

Schulschluß; mit Gejohle alle Kinder um uns ,die etwas manische Schulleiterin mit schappigem Trapperhut und weißem (!!!) Wanderdreß tanzte um mich rum.Die Lehrer,zwischen 22 und Ende 30 (ein Mann,Rest Frauen) waren bepackt mit Rucksack und Freßtaschen, und vielleicht hundert Kinder,welche zunächst den gleichen Weg hatten,begleiteten uns am Flüßchen entlang,vorbei an den staunenden Dorfbewohnern, etwa einen Kilometer,pfadlos, das Wasser auf Steinen kreuzend,immer tiefer in den Dschungel.

    

„Wandertag“….so hatten sich das wohl die meisten der Lehrer vorgestellt!
Und dann gings plötzlich ans Eingemachte:Ein äußerst steiler Berggrad,ca 60 Grad ,ganz schmaler,lehmiger -gottseidank trockener- Pfad,mit ein paar oberflächlichen Tritten,und unendlich lang geradeaus hoch!!!Keine Serpentinen!Auf den Bildern kommt das gar nicht so raus… Ich hatte es geahnt,aber daß es so brutal wird,nein!

    

    

mein „Träger“ mit Meerblick,von fast Meereshöhe waren wir aufgestiegen

die drei und Vater

    
Köhlerstelle im Busch

    

        

Vorher waren schon die meisten Kinder plötzlich irgendwo in den Busch auf anderen Pfaden verschwunden.Übriggeblieben waren mit unsren 3 „Wirtskindern“ insgesamt etwa zehn etwas größere und der Vater der Kleinen ( Lendenschurz,Buschmachete, ) welcher uns abgeholt hatte und nach Hause begleitete.
Und es hörte und hörte nicht auf, kaum mal ein etwas flaches Stück!Der Dschungel um uns dampfte,wir alle dampften noch mehr.Obwohl es langsam dämmrig wurde,wars sauheiß.
Die Direktorin hatte schon lang den Schlapphut zum Fächeln degradiert,fast Schnappatmung,kaum mehr einen Ton (hätte ich nie für möglich gehalten…*s*) und wollte alle paar Meter Pause machen.Ohne mich!Ich hab sie vor mir hergetrieben,obwohls mir auch nicht viel besser ging und werd ihr wahrscheinlich in ihren Albträumen wiederbegegnen!
Eine Lehrerin war schon nach der ersten halben Stunde umgekehrt. Und die Kinder kreisten um uns rum,wie Fliegen um den Abfall,;sausten in ihren Schlappen an unds vorbei,wollten Fotos gemacht haben,die wir dann auch machten,seis nur,um mal legal stehen bleiben zu dürfen…
Die Dickste aus dem Lehrervölkchen,eine lustige,liebenswürdige Wuchtbrumme hatte als erste durchgeblickt und ihren Rucksack samt Freßtasche einem Jungen umgehängt und…wir alle tatens ihr schließlich nach!Völlig charakterlos,ich weiß „s“!
Egal: nach zwei Stunden,kurz vor Einbruch der Dunkelheit,hatten wir die Hütten-natürlich ganz oben,kurz unterhalb des Hochgrades-,nach etwa 500 Höhenmetern (!!!) erreicht.

Fünf Stelzenhütten, an den sehr steilen Berghang geklebt,für mich wars irgendwie wie ein Traum.Es hatte was ganz Eigenartiges,strahlte eine Ruhe aus,die auch der Vater und die völlig scheue Mutter der Kleinen verinnerlicht hatten.Ein wunderschön klarer Sternhimmel,keine Industriegeräusche.

Der Kleinste sauste dann diesen unvorstellbar steilen Resthang oberhalb der Hütten rauf und schleppte eine magere Kuh und zwei Ziegen,schon Nacht,herunter und irgendwo in den Busch.
Der Vater hatte in der Kochhütte Feuer gemacht und die Mutter kochte den von uns mitgebrachten Reis in einem riesigen Kübel.In dieser Küchenhütte saß dann die Familie zusammen,warm erhellt noch von einem furchtbar rußendem Licht eines Lumpendochts,der in einer halb gefüllten Petroleumflasche steckte.

    

    

Wir waren natürlich total durchnäßt angekommen.In meinen Schuhen stand fast der Schweiß.Wir waren einfach nur fertig…
Wir hatten eine Schlafhütte mit kleinem Terassenvorbau zugewiesen bekommen.Und nach ein paar Minuten ging das Geschnatter und Gelache ohne Punkt und ohne Komma los und sollte die nächsten 4 Stunden nicht aufhören!Als erstes wurden die ganzen vorbereiteten Essen ausgepackt:gebratener Bauchspeck-wie immer-Gemüse,Obst,dazu Candies und Junkfoodtüten ohne Ende..Innerhalb kürzester Zeit waren die Strapazen überhaupt nicht mehr wahr gewesen.Da,wo wir Deutschen erstmal unsre Wunden geleckt hätten und unsre Qualen gegenseitig bedauert hätten,machten die sofort an das geplante Picknickfestessen,als wären wir mit dem Taxi angekommen!
Die Philippinos sind ein solch aufgedrehtes,liebenswürdiges,unkompliziertes Völkchen von Lebenskünstlern, ich kann sie nur gernhaben!

     

    

    

    

    

Aus der Dunkelheit tauchten dann alle Kinder,irgendwelche erwachsene Verwandte und die Großmutter auf,um die schlemmenden,chaotischen „Lowländer“ zu betrachten…irgendwie wie im Volkstheater,kams mir vor.Niemand wollte was ab!Sie hielten einen unaufdringlichen Abstand!
Nur das Gastehepaar blieb immer in ihrer Küchenhütte und hatte es sich dort mit den Kleinsten
gemütlich gemacht…
Natürlich teilten wir alles mit denen,welche da waren.Zuerste völlig scheu,dann natürlich zuerst die Kinder,dann alle,bekamen von unsrem Mitgebrachten.Und dann ging auch bei ihnen das große Futtern los.Ich hatte noch ein gekochtes Hühnchen und Kekse -nur für die Familie bestimmt,hatte ich schon beim Losmarsch klargemacht (beim Essen sind die Philippinos völlig hemmungslos…*g*)- mitgebracht und hatte als Gastgeschenk eine Solarlampe und eine Akkutaschenlampe,so eine zum „Drehladen“ vom Aldi,dem Vater überreicht.Na Hallo!
Na,jedenfalls wars ein richtig schöner Abend.Für alle Mangyans waren wohl Weihnachten,Ostern,alle Geburtstage und Namenstage der nächsten Jahre zusammengefallen,so viel gabs zu essen!!!Es gibt normalerweise abends keinen Reis,nur Cassava und Süßkartoffeln,beides Wurzelgemüse.Die Tiere sind zum Verkauf bestimmt und dienen zum Überleben in schlechteren Zeiten.Kekse und Bonbons von der Lehrerin hatten sie bestimmt noch nie gegessen!
Im Geist sah ich die alle nachts krampfend über die Hänge kotzen und machte mich auf eine schlaflose Nacht gefaßt. Von wegen,die alle haben sicher wesentlich besser geschlafen,als ich auf dem knochenharten Schmalbambuslattenboden!
Von den lebhaften Gesprächen hab ich eigentlich wenig mitbekommen,da die Lehrer mit ihrem noch miserablerem Englisch als ich,sich gar nicht die Mühe machten und mich irgendwie als Mangyan betrachteten,dh, sie fütterten mich permanent mit ab!.Ich genoß das ganze Szenarium ungemein!
Ich mischte nur kurz ein,als ich merkte,daß es ums Austreten ging…natürlich gabs keine Toiletten!
Das Pinkeln ging ja noch!Gottseidank hatte keiner an Alkohol gedacht,ansonsten wären wir alle schon beim Suchen nach einem Baum oder Busch den Steilgang runtergeflogen.Ab und zu hörte man ein Rutschgeräusch und wohl einen philippinischen Fluch,-alle quietschten dann- aber ansonsten passierte nichts. Ums große Geschäft drehte sich naturgemäß eine längere Diskussion. Meine medizinische Kompetenz konnte ich dann, unter Gelächter, insofern beweisen, daß ich vorschlug,die mitgebrachten Bananen nicht nur als Stopfmittel zu essen,sondern besser als mechanischen Verschluß einzuführen! Na ja….es wurde ein unvergeßlicher Abend,wie ihr euch vorstellen könnt!
Oma in eigener Hütte:

    

    

Kinder und die halbwüchsigen Jungens hatten dort eine eigene Schlafhütte;es waren etwa 8. Die Schlafhütte für uns wäre sowieso zu klein gewesen,auch wenn wir wie die Sardinen gequetscht gepennt hätten,also teilten wir uns auf.
Bei meinen Einsätzen ekle ich mich eigentlich vor nichts und hab auch sonst keine Ängste,aaaber:
vor Stechmücken (hier zwar wenig Malaria,aber doch häufiger Denguefieber),Ratten und Schlangen,die es hier alle jede Menge gibt, hab ich Schiß! Deshalb schlepp ich auch überall mein Moskitozelt mit eingenähtem Platikboden mit und sichre mir -jedenfalls seelisch- die Nachtruhe.
So auch hier.Wegen des Platzmangels schlug ich vor,daß jemand bei mir Zelt schlafen könne: Der Junglehrer war zu „shy“; als einzige erklärte sich die Mangyanlehrerin sofort bereit,wollte aber erst ihre Kolleginnen um Erlaubnis fragen (!!!),und „flupp“ mußte sie in die andre Hütte und ich hatte
vier andre Lehrerinnen-alle ehrbar verheiratet- am Hals,dh in der Hütte,die sich dann VOR mein Zelt, wie die Würstchen in der Dose, zum Schlafen quetschten.Von wegen schlafen!Wie im Pfadfinderinnenzeltlager quatschten die weiter hemmungslos bis Mitternacht!
„Meine“ Schlafhütte:

    

    

Als dann Ruhe eingekehrt war und als dann tatsächlich ein paar Ratten über den Bambusboden geraschelt sind, ging plötzlich punkt 3 Uhr eines der Handies an und eine butterweiche,engelsgleiche Stimme verkündete drei Minuten Gottes Lob und geruhsame -wirklich!- Nachtstunden, auf englisch!
Das stört hier keine Sau!Und ,ihr werdet es nicht glauben,um punkt 5 Uhr ging das ganze Theater nochmals los!!!Es war kein Albtraum,es war bittere,katholische Realität!
Auf meine Nachfrage bei Tag: natürlich läuft sowas jede Nacht! Und bei meinem Komentar,daß es bei uns in Deutschland dabei nächtens zu Massenmorden käme,erntete ich nur verständnislose Blicke!
Morgenstimmung,Frühstück und Abstieg:

     

    

     

    

    

    

    

Na ja,dann um 6 Uhr Frühstück… Kaffee,Marmelade auf schlabbrigen Toastbrötchen…halt Partyausflug,wies sich gehört;unfaßbar!Drum rum alle Kinder,abmarschbereit -ohne jedes Frühstück natürlich-,wieder Mitfütterung (hört sich hart an,kam mir aber so vor) und dann Astieg durch den Dschungel, in einen unvergeßlichen Sonneaufgang.Zwischendurch kurze Ausblicke aufs ferne Meer…,runterrutschen auf den taunassen Pfaden…nur richtig festhalten an den Bambusstämmen („hoffentlich ists keine Pythonschlange“…so meine Kurzängste,natürlich schwachsinnig!) und über und durch den Fluß Einmarsch,fast hätte man ihn triumphal nennen können, (umgekehrtes Bild) mit immer mehr Kindern ins Dorf und in die Schule.
Alle Dorfbewohner waren draußen,haben staunend gelacht und gewinkt,,,:das hatten sie noch nie erlebt.Irgendwie hatte nur noch der Konfettiregen gefehlt…,ging mir so durch den Kopf!
Abschlußfoto auf dem Schulhof und pünktlich fing die Schule an!
Und meine Mannschaft war pünktlich angekommen,die Ambulanz stand schon,und kurz danach hatte ich meinen ersten Säugling vor dem Stethoskop!

    
da geht einem doch das Herz auf:

Ds ganze Unternehmen war eine tolle Erfahrung für alle:
Die Lehrer sagten alle,daß sie erstmals mitbekommen hatten,was diese Kinder leisten!Daß sie jetzt nachempfinden ,daß diese Kinder bei schlechtem Wetter tatsächlich nicht zur Schule kommen können und daß es ihnen wirklich unmöglich ist,abends noch etwas zu lernen…
Ich selbst bin tief beeindruckt durch die hautnahe Erfahrung der extremen Lebensumstände.,durch den täglichen,entbehrungsreichen Überlebenskampf in extremer Abgeschiedenheit und die Gastfreundschaft dieser Menschen.
Sie hatten uns von dem Wenigen,das sie selbst hatten noch überreichlich mit auf den Heimweg gegeben:Wurzelgemüse und Kyatkyats (ganz kleine,süßsaure Mandarinen),korbvoll!

Tja,und wir,Lehrer wie auch ich,hatten durch diesen Marsch ins Ungewisse und die Leistung,die wir bringen mußten, erheblich an Selbstbestätigung erfahren!
Den Lehrern wird von Schülern und Eltern sicher noch mehr Respekt und Anerkennung entgegengebracht und das selbe gilt natürlich auch für uns German Doctors.
Ich hatte mir extra das weiße T Shirt mit unsrem Logo drauf angezogen.So durchschwitzt und versaut wird es hoffentlich nie mehr sein,wünsch ich für mich!
Aber dadurch,daß ich alle Philippinos um zwei bis drei Köpfe überrage,war die Repräsentanz unsrer
Gesellschaft nicht zu übersehen…*s*. Wir haben zwar sowieso einen sehr guten Ruf bei der Bevölkerung,aber diese Initiative von mir hat unsre Reputation sicher noch vermehrt;und das tut mir auch gut!

Noch kurz zum anschließenden Praxistag in Salay ein paar wichtige Bemerkungen:

ich hab auf dem einzigen Marktstand,der immer an unsrem Ambulanztag wohl aufmacht endlich mal wieder ein paar passende (lila,*g*) Haargummi für mein Hinterhauptschwänzchen gefunden…,wirklich schwierig und verschafft mir immer wieder Glücksgefühle „s“!

    
im Kindergarte,der gleichzeitig mein Sprechzimmer war,sah der Fußboden kriminell aus,spitze Steine,bei Regen unbenutzbar: Ich hab eure Spende,ca 38 EUR dafür ausgegeben,Zement für einen Boden und eine Tafel mit Kreide zu kaufen.Die Eltern werden alles sonst selbst machen!Und ich werds kontrollieren!
Lebendschweintransport aus den Bergen

    

sonstige Bilder

    

        

    

    

     

     

    

    

 

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