12.Oktober 2012

Grüß euch!

Die Klinikzeit ist nun -endlich- vorbei.Es war zwar interessant aber doch nicht so mein leidenschaftlicher Einsatz: hab viele interessante tropische Krankheitsfälle aus dem stationnären Bereich erleben und schließlich auch mit Sicherheit behandeln gelernt,vor allem die verrücktesten Infektionskrankheiten,Wurmerkrankungen,Mangelzustände wie Marasmus und Kwashiokor und die „gute, alte“ Tuberkulose als Dauerbrenner.Meist haben wir diese in unsrer Ambulanz „gefischt“ und dann auf Station gelegt und weiterbehandelt.Na ja, trotzdem wird der Klinikalltag dann irgendwann doch zur Routine,jedenfalls für mich.Meine Kinder-und Gynäkologiekollegen haben das alles genossen!Ich aber hab auf die „Rolling Klinik“ zugearbeitet,die für mich ab heute losging:

Und sie begann,wie der stationäre Abschnitt zu Ende ging:mit einer Schädelverletzung. Meine letzte Behandlung letzten Freitagabend war ein Notfall: 10 jähriger Junge- O-Ton Mutter: „der ältere Bruder hat mit dem Messer gespielt“- mit einer glatten,klaffenden,ca 15 cm langen Schädelverletzung bis auf den Schädelknochen,der auch noch glatt schräg eingekerbt war. Erfahrungsgemäß eine typische Machetenveletzung,welche mit erheblicher Wucht durchgeführt wurde… nachfrage sinnlos!Der Junge hat keinen Mucks gemacht beim Einspritzen (keine Schockzeichen!) und beim Nähen;stationnäre Überwachung über Nacht,Entlassung am nächsten Morgen-ich hatte ihn mir nochmals angesehen- und heut in der Ambulanz bei Thomas:bestens,und die Eltern anscheinend hochzufrieden!Der ganze Ablauf völlig unmöglich in Deutschland…

Gegen Mittag war dann aus Cagayan de Oro „mein“ Team mit Geländewagen und der Ausrüstung-Medikamente,kleine Chirurgie, Vorsorgepaket und Notfallkoffer -nach 5 Stunden angefahren kommen,hatte mich aufgenommen und ab gings,bei strömendem Regen,in die Berge.

Mein Team: Cheche,die rundliche,immer vergnügte und zu Sprüchen aufgelegte Kranken-und Pharmaschwester; Tina eine schmale,scheu lächelnde Schönheit als Krankenschwester und meine „Interpraterin“ (Übersetzerin,welche letzteres heut zum ersten Mal machte-sehr gut übrigens-) und Nelson schließlich,der Fahrer und „Mädchen für alles“ unterwegs:wirklich gut in seinem Job und eine überschießende Betriebsnudel ersten Grades! Eine Mischung,die mir gefällt;jedenfalls bis jetzt!

Strömender Regen,Regen,Regen,tief ausgefahrene,unbefestigte Wege,Wasselöcher bei denen man das Gefühl hat,die Karre verschwindet ganz drin,rauf und runter,ein Geschaukle,oft im fünf Stundenkilometertempo,gelegentlich an Abhängen entlang, bei denen froh ist,daß der Regennebel gnädig  die Sicht begrenzt;einfach unwahrscheinlich … Dann reißen die Wolkenfetzen auf und geben ein atemberaubendes, grün in grünes und grau in grünes ,Bergpanorama frei,ich war hin und weg!

Nach einer Stunde Ankunft in einem völlig überraschend aufgetauchtem, an einem steilen Hang über einem weiten Tal gelegenen Nest :betonierter kleiner Dorfplatz;typische,zusammengeschusterte,einfache  Holzhäuser,gelegentlich liebevoll mit roten Blumen dekoriert.An der Längsseite des Platzes ein überdachtes ,betoniertes Podium,auf dem mein Team sofort die Medikamentenausgabe aufbaut;daneben ein Holzverschlag:das Wartezimmer,in dem die Dorfhelferin die Patienten annimmt; Nelson wiegt und mißt alle.20m weiter,über demDorfweg-der sich inzwischen in einen kleinen Sturzbach verwandelt hat- liegt die Schule:ein baufälliges,aber irgendwie auch apartes Holzhaus-wie alle Häuser hier Pi mal Schnauze zusammengenagelt-.Der kleine Schulraum wird in kurzer Zeit in mein Sprechzimmer verwandelt in dem sich dann  während der Behandlung immer auch mindestens zehn Mütter mit kleinen Kindern am Boden hockend verweilen.Geheimnisse gibts hier keine…

Es ist eine sehr arme Gegend:Steilhänge,wenige Bananenpflanzen,ein paar Hühner,Kleinstgemüsegärten,kleine,schmale,ja magere,Menschen mit indisch,zigeunerhaftem Aussehen;sehr freundlich aber zurückhaltend mit einer -besonders den Frauen- innewohnenden Würde. Eingeborene,welche seit Urzeiten unter sich in den Bergen wohen, „Tribals“ dh „Stämme“ werden sie von den restlichen Philippinos genannt.

Zum Anfang zurückzukommen:erster Patient,ein 6 Jähriger,welcher eine Stunde zuvor eine Steintreppe runtergefallen und mit dem Kopf aufgeschlagen war (ich konnte ihm ja sooo nachfühlen…*s*).Er hatte aber eine große Platzwunde,welche ich unter seinem durchdringendem Geschrei und der hautnahen Anteilnahme des halben Dorfes dann genäht hab. Dann Sprechstunde in der Dorfschule: 90% Kinder: Husten , Husten, Lungenentzündung, Durchfälle,infizierte Hautausschläge,Augenentzündungen ,Husten… Die Erwachsenen: natürlich Husten,Verdacht auf TBC, Kreuz-Nacken und Kopfschmerzen (sie arbeiten alle schwer…).Das Dorf hat keine Elektrizität,durch den Regen wirds noch früher Dunkel und ich arbeite schon ab 17 Uhr mit der Stirnlampe;wenns richig aufs Dach prasselt hört man mit dem Stethoskop so gut wie nichts,außerdem ist das Dach undicht und mir tropfts mal da ,mal da hin…Trotzdem,es macht einen Sauspaß ,so zu arbeiten, denn die Menschen sind  froh,daß wir da sind.Jede/r bedankt sich sehr freundlich,manchmal überschwenglich ,die Kinder sind richtig gut erzogen,nicht duckmäuserisch,sondern irgendwie selbstverständlich werden sie diesen schwierigen Umständen gerecht, hab ich den Eindruck.Es ist ein guter Tag!

In 3 1/2 Stunden behandeln wir fast 50 Patienten und ich hab nicht den Eindruck, daß ich hektisch arbeite;es liegt wohl an den Patienten! Zum Schluß nehmen wir noch eine ausgemergelte Mutter mit ihrem gut einjährigem Kind mit,welches nur 5 kg wiegt,eben stark unterernährt ist,und welches wir bei uns in der Klinik wieder aufpäppeln werden.

Zurück wieder im Regen-stockfinster ists inzwischen-.Der Schlammweg ist noch ausgespülter,die Wasserlöcher wohl noch tiefer,links und rechts ist die Piste in ein gnädiges Dunkel gehüllt.Wir haben wohl alle ein Gefühl der Zufriedenheit. Nachdem wir Mutter und Kind noch in der Klinik aufgenommen haben,lauf ich um 21 Uhr geschafft aber wirklich gut gelaunt im Doctorshouse ein.

Leider liegt Irene,unsere Gynäkologin schon im Bett-2 Entbindungen stehen in der Nacht wohl an-,sodaß ich mein Chiplesegerät für den Fotoapparat,welches ich mit meinem Rest – gepäck bei ihr eingelagert hab nicht holen kann.Deshalb kann ich euch auch -noch- keine Bilder von heute dranhängen lassen.Ich werd versuchen,sie morgen schnell an Norbert wegzuschicken.

Ursula,meiner Nachfolgerin im Krankenhaus,hab ich heut mein Zimmer  überlassen, wie es so üblich ist.Ich werd die nächsten 4 Nächte hier in unsrem Aufenthaltsraum auf einer Matratze übernachten;danach sind wir zu weit weg von Buda und übernachten in der Prärie… bin gespannt.

Morgen Früh um 8 Uhr gehts weiter;wohl 2 Stunden Anfahrt und den ganzen Tag Sprechstunde dort.Werd wieder berichten.Gute Nacht!

wildromantische Stimmung durch das verrückte Wetter

 

 

 

 

Tina,meine Interpraterin, und Nelson,der Fahrer, bauen das einzige Klassenzimmer zum Sprechzimmer um

 

 

 

 

…da kommt „Freude“ auf,gleich als erstes nähen zu müssen…

 

 

 

 

 

hier ist durch den Blitz des Fotos aufgehellt

 

 

 

 

und hier der Originalzustand

 

 

 

 

 

Cheche bei der Medikamentenausgabe…

 

 

 

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